Das Tiroler Schützenwesen

Mit den Tiroler Schützen, die sich, einmalig in Europa der damaligen Zeit, aus Adeligen, städtischen Bürgern und freien Bauern rekrutierten, verbindet sich vom 15. Jahrhundert bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Geschichte der Tiroler Landesverteidigung. Seither sind der Erhalt und die Verteidigung der Identität Tirols, also die geistige und kulturelle Landesverteidigung, die wichtigste Aufgabe der Schützen.

Die älteste erhaltene Tiroler Schützenfahne stammt aus der Regierungszeit Kaiser Maximilians als Landesfürst von Tirol (1490-1519). Sie wurde vor 1508 angefertigt und höchstwahrscheinlich vom Aufgebot der Schwazer Bergknappen geführt. Die Originalfahne wird im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum aufbewahrt. Eine Nachbildung dient seit 1950 als Standarte des „Bundes der Tiroler Schützenkompanien“.

Diese fand ihre erste und über Jahrhunderte andauernde gesetzliche Krönung im von Kaiser Maximilian erlassenen „Landlibell“ von 1511. Darin wurde das Einrücken der wehrfähigen Bevölkerung geregelt. Diese Maximilianische Zuzugsordnung, also die Einrückungsregelung, ist ein halbes Jahrtausend alt.

Die Tiroler Bevölkerung wurde eingeteilt in die „ordentlichen Zuzüge“, das waren die „Schützen“ und in das „Aufgebot der Masse“, das war der sogenannte „Landsturm“. Die „Schützen“, wurden ihrer Aufgabe wegen, das Land zu verteidigen, schon bald als „Landesschützen“ bezeichnet. Der „Landsturm“ verkörperte den Rest der wehrfähigen Männer.

Alle später erlassenen Einrückungsverordnungen basierten auf dem Landlibell von 1511. An allen Kriegen, die nicht nur Tirol, sondern ebenso die Heimat im weiteren Sinn bedrohten, nahmen die Schützen Tirols teil. In zahlreichen Berichten wird uns immer wieder von den heroischen und erfolgreichen Einsätzen der Tiroler Schützen erzählt. Immer wieder, seit 5 Jahrhunderten, werden vor allem Mut und Tapferkeit, Treue und Ausdauer, Klugheit und Heimatliebe als historische Tatsache betrachtet. Diese Werte können als Fundamente des Überlebens in diesem zwar schönen, aber meist unwirtlichen Land im Gebirge bezeichnet werden. Nur so ist zu verstehen, dass sich im Ersten Weltkrieg im Mai 1915 innerhalb weniger Tage 38.000 „Standschützen“, eigentlich nicht der Wehrpflicht Unterlegene, also alte Männer und junge Burschen, zur Heimatverteidigung meldeten. Die Opferbereitschaft der betroffenen Tiroler Bevölkerung ist seither legendär.

Der Kaiser und die Welt der Donaumonarchie sind seit über 80 Jahre Geschichte, nur noch die Erinnerung daran lebt fort. Aber so manches davon lebt bei den Tiroler Schützenkompanien weiter: der freie Schütze, der gewählte Offizier, die Fahnentreue und nicht zuletzt jene unvergängliche, mit Schwegel und Trommel gespielte, historische Schützenmusik. Die historischen Fundamente, von denen hier nur einige skizziert wurden, bieten eine hervorragende und sehr demokratische Basis für die Erfüllung wichtiger Aufgaben jeder einzelnen Schützenkompanie. Die Zeit nach 1918 stellte neue Anforderungen gesellschaftlicher wie politischer Art an die historisch ehrwürdigen Tiroler Schützenkompanien, die die Herausforderungen der neuen Zeit erkannt und in das Schützenwesen integriert haben.

Abgesehen vom permanent bestehenden Faktor der Landesverteidigung, sind die Tiroler Schützen ein bedeutendes gesellschaftspolitisches Moment: Hier vereinen sich gewachsene Traditionen mit modernen Lebensformen. Das typisch alpenländische Kulturgut wird ohne „touristische Folklore“ lebendig gehalten, ein Schützen- oder Bataillonsfest wird nicht der Gäste wegen, also nicht als Fremdenverkehrsattraktion ausgerichtet, sondern als Fest der befreundeten Schützen. Selbstverständlich freuen wir uns auch über Gäste, sie sind aber nie der Grund oder der Mittelpunkt des Festes. Einem unsichtbaren Netz ähnlich überzieht das kulturelle Leben der Kompanien das Land im Gebirge und strahlt vielfältig nach außen hin aus. Angesichts einer extrem konsumorientierten Welt und einer vermehrt egoistischer Lebenseinstellung, unserer neuen „Fun- und Spaßgesellschaft“ kommt den Schützenkompanien im Lande in immer stärkerem Maße die innere Bewahrung der Heimat und der Werte als vornehmste Aufgabe zu. Der Bedrohungen werden nicht weniger. Hier als Schütze „schützend“ aufzutreten ist zwar vordergründig ungefährlicher, dürfte aber schwieriger sein als einen Feind mit der Waffe zu bekämpfen. Schützenkompanien und Musikkapellen, Feuerwehren und anderen öffentlichen Institutionen sind ein nicht unwesentlicher stabilisierender Faktor für das Land, was von Politikern in Reden zwar immer wieder erwähnt und bestätigt wird, aber selten in die Tat umgesetzt worden ist. Wahrscheinlich war das Tiroler Monument Eduard Wallnöfer der letzte, der dies wirklich erkannt hatte.

Für Tirol und für die benachbarten Alpenländer dreht es sich heute um mehr, als man vielleicht meint: Es geht um die Bewahrung einer freien Zukunft, um die Bewusstseinsfindung unserer Existenz, um die Bewahrung des Landes Tirol und seiner inneren wie äußeren Werte in geistiger, kultureller und religiöser Hinsicht. Es geht um unser Tirol: Schützen waren ein Garant für das Land und den Frieden. Schützen sind seit fast 500 Jahren ein verlässlicher Partner.